Das alte Rom und das neue Stoob
Von GDB • Apr 26th, 2010 • Thema: ZwischenrufWas will der Präsident mit dem alten Rom und was hat das mit Stoob zu tun? Fangen wir einmal mit unserer Keramikfachschule an. Dort hatte ich nämlich Mitte April einen höchst erfreulichen Termin. Dabei teilte mir die Direktorin Frau DI Maria Waranits offiziell mit, dass es ab September dieses Jahres den neuen Ausbildungszweig „Ofenbautechnik“ geben wird. Und zwar als Kolleg und Aufbaulehrgang. Beides sind Sonderformen, die dem Erwerb einer höheren fachlichen und allgemeinen Bildung dienen und zur Ausübung eines gehobenen Berufes auf technischem und gewerblichem Gebiet und auch zur Universitätsreife führen. Das heißt nichts weniger, als eine völlig neue Qualifikationsperspektive für das Hafnerhandwerk.
Besonders erfreulich daran ist, dass jetzt ein lang gehegter Wunsch der Innungen und des Verbandes Wirklichkeit wird: Dass nämlich an der Keramikschule der Schwerpunkt künftig nicht mehr nur auf der künstlerischen Seite unseres Handwerks liegt, sondern eine vertiefte Ausbildung hinsichtlich Entwicklung, Planung, Konstruktion, Design und Ausführung der Heizsysteme betrieben wird. Dieser vorhin angesprochene Wunsch resultiert übrigens nicht daher, dass sich mein Verband und die Bundesinnung zusätzlich zum Meistertitel – der im Handwerk das Maß aller Dinge ist und bleibt – auch noch so etwas wie einen „Dr. Hafner“ wünschen. Keineswegs. Der Wunsch ergab sich aus dem Zwang, dass schon vor der letzten großen Wirtschaftskrise das Wachstum auch in unserer Branche durch einen eklatanten Mangel an Spitzenqualifikation gehemmt war.
Ich sehe es als eine meiner ganz wesentlichen Aufgaben an, für die Zukunftssicherung des Hafnerhandwerks und der Zulieferindustrie zu sorgen. Deshalb müssen wir alle ein besonderes Augenmerk auf die Qualität der Arbeit und der Produkte einerseits und die fachspezifische Qualifikation andererseits richten. Weil uns sonst nämlich die Vorschriftsflut aus dem Normenwesen und aus den in Brüssel entwickelten EU–Vorgaben derartig überrollen könnte, dass wir mit den herkömmlichen Ausbildungsformen alleine damit kaum noch zurande kommen würden.
Deshalb ist der gehobene und dennoch praxisbezogene neue Ausbildungszweig in Stoob ein wichtiger Schritt und gleichzeitig ein zusätzlicher Anreiz für junge Menschen, die ja (gottseidank) vermehrt danach streben, durch höhere Ausbildungsvarianten zu besseren Berufsperspektiven zu gelangen. Das zeigt auch ein Blick in die Daten der Statistik Austria. Im dort zuletzt erfassten Jahrgang 2008 wurden in Österreich 40.817 Reife- und Diplomprüfungen abgelegt. Damit hat sich die Zahl der Absolventinnen und Absolventen bei gleichzeitig insgesamt sinkenden Bevölkerungszahlen seit 1960 fast vervierfacht. Höhere Qualifikation ist also insgesamt das Gebot der Stunde. Auch und gerade im Handwerk. Auch das beweist die Statistik: Von allen Reifeprüfungen werden weniger als die Hälfte an den allgemein bildenden höheren Schulen erworben (Abschlussjahrgang 2008: 42%). Der größere Teil der Schülerinnen und Schüler legte eine Reife- und Diplomprüfung an einer berufsbildenden Schule ab.
Das ist jetzt eben auch für werdende Hafner möglich und damit komme ich zu dem Gedankensprung ins oben erwähnte alte Rom. Mir ist bei der ganzen Sache jenes Zitat des Philosophen Seneca eingefallen, das zum geflügelten Wort wurde: Non scholae sed vitae discimus. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Der alte Römer hat das zwar anders gesagt. Nämlich umgekehrt: Wir lernen für die Schule, statt fürs Leben. Er hat sich nämlich über das damalige Schulsystem aufgeregt und wollte mit der provokanten These darauf hinweisen, dass den Schülern alles Mögliche beigebogen wird, nur nichts, was sie später in der Alltagspraxis auch wirklich brauchen können. Welche Weitsicht im Jahre 64 nach Christus, das sich historisch gesehen nicht gerade durch geistige Höhenflüge auszeichnet, denn im Juli 64 hat Nero Rom angezündet. Stoob aber zeigt nun, dass man aus der fast 2000 Jahre alten Kritik gelernt hat und den Schülern nicht nur die bisher schon sehr fundierte Fachausbildung zuteil werden lässt, sondern ab Herbst 2010 zusätzlich auch noch die spezielle Qualifikationsgrundlage in der Ofenbautechnik, die einen wesentlichen Beitrag für die Zukunftssicherung unserer Branche leistet.
Wolfgang Kippes



